SuedLink-Spülbohrungen ökologisch nicht unproblematisch
Seit vielen Wochen tritt Bohrflüssigkeit im Hang oberhalb der Jagst zwischen Möckmühl und Neudenau aus. Der BUND befürchtet, dass sich diese im Hang in Richtung Talaue ausgebreitet hat.
Der BUND Regionalverband Heilbronn-Franken ist besorgt: Immer wieder tritt bei den Spülbohrungen für die SuedLink-Stromtrasse ungeplant Flüssigkeit von Spülbohrungen aus. Insbesondere durch ihre physikalischen Eigenschaften kann diese Ökosysteme in Gewässern und Böden schädigen. Aktuell gibt es solche Ausbläser beispielsweise in den Hängen der Jagsstaue zwischen Möckmühl und Neudenau.
Für das Energiesystem der Zukunft braucht es neue Infrastruktur. Künftig wird die über 700 km lange Stromtrasse SuedLink den Strom aus den Windparks in Norddeutschland in den Süden transportieren. Der Trassenbau erfolgt in der Regel in offener Bauweise. Um Wälder vor Rodungen zu schützen oder Flüsse und Straßen zu unterqueren, werden Spülbohrungen in Horizontalbohrtechnik (HDD) eingesetzt. Dies gilt grundsätzlich als deutlich umweltschonender. Dabei kommt als Spülbohrflüssigkeit ein Gemisch aus modifiziertem Bentonit und Wasser zum Einsatz. Zwar ist das extrem feinkörnige Tonmineral Bentonit chemisch ungiftig, seine im Tiefbau geschätzten physikalischen Eigenschaften können laut Experteneinschätzung aber für Arten, Wasser, Böden und Umwelt hochproblematisch sein – insbesondere in Verbindung mit den die Wirkung verstärkenden Zusätzen: Bentonit ist bei Druck selbstverflüssigend (Ketchup-Effekt) und extrem quellfähig. Lässt der Druck nach, verfestigt es sich.
Experten sehen Beeinträchtigungen von Gewässer und Böden
Bei den Spülbohrungen für die SuedLink-Trasse kam und kommt es immer wieder zu so genannten “Ausbläsern”, also ungeplanten Spülungsausbrüchen auf Feldern, in Hanglagen, an oder in Gewässern. Gerade im Grund- und Oberflächengewässern wird dies als problematisch erachtet. Denn das modifizierte Bentonit „verstopft“ die Poren der Gewässersohle und der für den Wasseraustausch wichtigen Bodenschichten. Dies trifft zunächst Fische, Fischlaich und Kleinstlebewesen, schädigt aber langfristig über Jahre das gesamte Ökosystem im Wasser. „Es wirkt sich auch sehr stark auf besiedelnde Organismen im Grundwasser und im Boden/Grundwasser-Lückensystem aus. Sie können mit Sicherheit von einer Schädigung des Grundwasserlebensraumes und einer massiven Verschmutzung ausgehen. Das kann auch Trinkwasserschutzgebiete betreffen“, urteilt Dr. Hans-Jürgen Hahn vom Institut für Grundwasserökologie der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern-Landau (RPTU). Kritisch sieht die Auswirkungen der Spülbohrungsflüssigkeit auch der Bodenexperte Jörg Schneider, Mitglied im Bundesverband Boden (BVB) und LNV-Referent für Flächen- und Bodenschutz in Baden-Württemberg. Sowohl die hohen pH-Werte der Bohrflüssigkeit als auch hohe Anteile darin gelöster Salze beeinflussen seiner Einschätzung nach das Bodenleben, das Pflanzenwachstum und das Bodengefüge negativ. “Der weitere Effekt ist das Eindringen der Bohrsuspension in den Porenraum der Böden - an der Stelle des Ausbläsers ist zu befürchten, dass der komplette Porenraum des gewachsenen Bodens (1-2m) von der Leitungssohle bis zur Bodenoberfläche mit Bohrschlamm verkleistert ist”, so Jörg Schneider.
Gewässer in der Region betroffen
Im Jahr 2025 war im Landkreis Heilbronn bereits der Hergstbach bei Möckmühl-Dippach von SuedLink-Ausbläsern betroffen. Nach dem Eindringen des Bohrwasser in den Bach im Landschaftsschutzgebiet musste das Gewässer aufwändig verlegt werden, um die Bachsohle sanieren zu können. Im Main-Tauber-Kreis war u.a. der Bach Rötensteingraben unweit der A81 bei Grünsfeld betroffen. Auch hier verschlammte ein Ausbläser die sensible Bachaue und das Gewässer. Im Boxberger Teilort Uiffingen-Gräffingen traf es den Bach Umpfer, der zum europäisch bedeutsamen FFH-Schutzgebiet “Westlicher Taubergrund” zählt. Im Landkreis Heilbronn laufen derzeit Zwillingsbohrungen auf beiden Seiten der Jagst an den Hängen zwischen Möckmühl-Züttlingen und Neudenau-Siglingen. Auf 1.300 m soll dort die Trasse unter der Flussaue hindurchführen. Wie bei den anderen Ausbläsern bemühen sich die Baufirmen seit Wochen, die zutage tretenden Schlammmassen in einem Graben aufzufangen und abzupumpen. Es steht aber zu befürchten, dass sich die Bohrflüssigkeit im Untergrund weit ausbreitet und im klüftigen Gestein in Richtung Jagstaue verteilt. Dort liegt ein FFH- und Vogelschutzgebiet.
Austritt 3,5 km entfernt von Spülbohrung
„Wird Bentonit wie bei Spülbohrungen flüssig verwendet, ist es sehr problematisch, insbesondere in Kluft-Karstgestein, Sanden und Kiesen“, so Grundwasser-Experte Dr. Hahn. Diese geologischen Formationen sind im süddeutschen Trassenbereich häufig. Sowohl an der betreffenden Bohrstelle an der Jagst als auch bei der SuedLink-Bohrung weiter nördlich im Bayerischen Mellrichstadt steht Muschelkalk an. Gleich von mehreren Ausbläsern ist dort seit vielen Wochen das Flüsschen Streu und seine Aue betroffen, das aufgrund seines sensiblen Arteninventars als europäisch bedeutsames Schutzgebiet (FFH-Gebiet) klassifiziert wurde. Alarmierend ist, dass zwischen Bohrstelle und der Streu rd.3,5 km liegen. Steffen Jodl, BN-Regionalreferent Unterfranken BUND Naturschutz in Bayern: „Wahrscheinlich hatte sich der Bohrschlamm über das Grundwasser ausgebreitet (…) Nachdem Versuche, die Ausbreitung im Fließgewässer mit Sandsäcken und Jutesäcken zu unterbinden, fehlschlugen, hatten die Behörden zwischenzeitlich einen Baustopp verhängt. TransnetBW ist offensichtlich auf derartige Vorfälle nicht vorbereitet und hat kein funktionierendes Havariekonzept.“ Trotzdem wird derzeit weitergebohrt.
Warum kommt es zu Ausbläsern?
Die Ausführung jeder Horizontal-Bohrung (HDD) hängt von vielen Parametern ab, darunter insbesondere von der jeweiligen Geologie und Hydrogeologie. Aber auch andere Aspekte wie z.B. Bohrungsgeometrie, Bodenüberdeckung, Bohrgarnitur und Bohrsuspension sind von großer Wichtigkeit für die störungsfreie Durchführung einer Horizontalbohrung. Insbesondere muss der Bohrlochdruck auf die Geologie vor Ort angepasst werden, sonst sucht sich die Bohrfülligkeit ihren eigenen Weg. Dr.-Ing. habil Rüdiger Kögler, international anerkannter Experte für HDD-Bohrungen, erklärt: “Um derartige „unerwünschte“ Fließwege zu vermeiden, wird i.d.R. in der Planungsphase eine Berechnung hinsichtlich der während des Bohrvorgangs zulässigen Bohrlochdrücke erstellt. Hierzu ist allerdings ein aussagekräftiges Baugrundgutachten erforderlich, da die wesentlichen Eingabeparameter in das weltweit für diesen Zweck genutzte Berechnungsprogramm (i.d.R. „D-Geo Pipeline“ der Uni Delft / NL) baugrundspezifische Kennwerte benötigen.” Jedoch sei dieses Berechnungsprogramm laut Dr. Kögler für Lockergesteinsböden entwickelt worden. “Es wurde aber ausdrücklich nicht für felsige und schon gar nicht für klüftige, karstige Geologien entwickelt und ist hierfür maximal als „sub-optimal“ (im Prinzip: „ungeeignet“) einzustufen.” Insbesondere in klüftigen Böden sei es oftmals nicht möglich, den für einen ordnungsgemäßen Bohrvorgang erforderlichen Pumpendruck zu generieren, ohne Verluste in den Boden oder Ausbläser zu riskieren. Bestehe dann noch ein gravierender Höhenunterschied zwischen Ein- und Austrittspunkt zum tiefsten Punkt der Bohrlinie (an dem i.d.R. auch noch die geringste Geländeüberdeckung vorkommt), dann sei das Auftreten von Ausbläsern mehr oder weniger vorhersehbar. “Und es stellt sich die grundsätzliche Frage der Eignung der Horizontalbohrtechnik als Bauweise für ein solches Projekt”, so der Experte.
Gibt es Alternativen?
Die Erfolgschancen, solche Ausbläser durch Verfahren wie Zementation oder durch vertikale Entlastungsbohrungen einzudämmen, hält Dr. Kögler in klüftigem Gelände für wenig erfolgversprechend. Aber welche Alternativen gibt es dann? “In erster Linie ist hier an eine Umtrassierung zu denken (was in dicht besiedelten Ländern immer sehr schwierig und zeitaufwendig ist). In zweiter Linie besteht die Möglichkeit, solche Ausbläser als „Kollateralschäden für die Erreichung eines übergeordneten, öffentlichen Interesses“ zu akzeptieren und deren negative Auswirkungen auf die Umwelt zu minimieren", so der HDD-Experte. Insbesondere, wenn diese Schäden vorhersehbar gewesen seien, stelle sich aber die Frage, “…ob eine ordnungsgemäße Planung durchgeführt und bei Bedenken angemessene Anstrengungen für eine Umtrassierung realisiert wurden.” Auch Bodenexperte Schneider mahnt: “Vor dem Hintergrund, dass es wohl noch zu einer Vielzahl an solchen Bohrungen kommen wird, sollte hier rasch eine systematische Ursachenforschung vorgenommen und das Vorgehen dann entsprechend angepasst werden”.
Im Zweifelsfall sofortigen Baustopp
Wir vom BUND Regionalverband Heilbronn-Franken stehen zu 100 % hinter der Energiewende. Aber weder der Energiewende, noch der Natur ist geholfen, wenn beide gegeneinander ausgespielt werden. Bei der technischen Umsetzung muss bei SuedLink der Fokus auf der Einhaltung der geltenden Gesetze zum Schutz von Gewässern und Natur liegen - auch wenn dies den Zeitplan verzögern sollte. Fälle wie in Mellrichstadt zeigen, dass Havariekonzepte in kritischen hydrogeologischen Lagen nicht sicher greifen. Der BUND Regionalverband Heilbronn-Franken fordert insbesondere für solche Zonen hohe Auflagen und strenge Vorgaben für die Südlink-Bohrungen und sofortige Baustopps und Nachjustierungen, sobald sich Ausbläser abzeichnen. Zwar können Schäden an der Oberfläche im Nachgang eventuell saniert werden, nicht aber die Schäden im Untergrund und im Grundwasserkörper. Geltende Vorschriften der Grundwasserverordnung, der einschlägigen Wassergesetze, der Wasserrahmenrichtlinie, des Bodenschutzrechts und des Artenschutzes müssen laut BUND ausreichend berücksichtigt werden. Und auch der HDD-Experte Kögler fordert: “In jedem Fall ist es die Aufgabe der Behörden, hier dezidierte Auflagen und Anforderungen zu formulieren und deren Einhaltung durch sachkundiges Eigen- oder Fremdpersonal sicherzustellen. Nur so können schädlichen Auswirkungen auf die Umwelt vermieden bzw. auf ein unter Abwägung aller Aspekte tolerables Maß minimiert werden.”